Udo Laubert – Coaching & Training
Gefühle & Selbstverständnis

Warum trifft mich Kritik so stark?

Kritik kann wehtun, wenn du darin mehr hörst als eine Rückmeldung zu einer einzelnen Situation: etwa „Ich genüge nicht“ oder „Ich werde abgelehnt“. Das ist eine mögliche Deutung, keine Diagnose. Ein erster Schritt ist, die tatsächlichen Worte, deine eigene Bedeutung und dein Gefühl auseinanderzuhalten. So kannst du prüfen, was an der Rückmeldung hilfreich ist und wo du eine Grenze brauchst.

Udo Laubertca. 4 Min. Lesezeit
KI-Symbolbild: nachdenkliche Frau am Küchentisch mit Notizbuch und gezeichneter Gedankenblase aus Sprechblase, Fadenknäuel und Lupe.
Illustratives Bildmotiv zur persönlichen Entwicklung.

Ein Satz fällt – und innerlich beginnt die Verteidigung

Ein erfundenes Alltagsbeispiel: Beim gemeinsamen Abendessen sagt jemand: „Du hast mich vorhin mehrmals unterbrochen.“ Noch bevor du nachfragst, erklärst du ausführlich, warum du das getan hast. Später ärgerst du dich über das Gespräch. Vielleicht hörst du noch immer einen anderen Satz: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Die ausgesprochene Rückmeldung und dieser innere Satz sind verschieden. Das bedeutet weder, dass die andere Person automatisch recht hat, noch dass du dir alles nur einbildest. Es eröffnet eine Frage: Was wurde tatsächlich gesagt – und was habe ich daraus über mich gemacht?

Warum eine Rückmeldung deinen Selbstwert berühren kann

Vielleicht ist es dir besonders wichtig, zuverlässig, aufmerksam oder unkompliziert zu sein. Dann kann eine Kritik genau dieses Bild von dir infrage stellen. Du könntest einen inneren Anspruch entdecken: „Ich darf niemanden enttäuschen.“ Oder: „Wenn ich einen Fehler mache, werde ich weniger gemocht.“ Solche Sätze sind mögliche Antreiber, keine feste Persönlichkeitsschublade.

Eine experimentelle Studie von Gruenewald und Kollegen aus dem Jahr 2004 verglich anspruchsvolle Aufgaben mit und ohne soziale Bewertung. Unter Bewertung berichteten die Teilnehmenden stärkere Scham und einen niedrigeren momentanen sozialen Selbstwert. Der Laborbefund zeigt, dass Bewertung emotional bedeutsam sein kann. Er erklärt nicht deine persönliche Geschichte und beweist kein verborgenes Trauma. Die Originalstudie ist unten verlinkt.

Auch der Ton, die Beziehung und die konkrete Situation zählen. Wiederholte Herabsetzung musst du nicht in eine Übung zur besseren Kritikfähigkeit verwandeln. Verstehen schließt ein, den Umgang miteinander ernst zu nehmen.

Rückmeldung, Deutung und Abwertung unterscheiden

Eine konkrete Rückmeldung beschreibt ein Verhalten: „Du hast mich unterbrochen.“ Eine Deutung ergänzt eine Bedeutung: „Die andere Person hält mich für rücksichtslos.“ Eine Abwertung macht dich als ganzen Menschen klein: „Mit dir kann man überhaupt nicht reden.“ Diese Unterscheidung ist eine Orientierung fürs Gespräch, kein starres Bewertungssystem.

Wenn ein konkreter Anteil stimmt, kannst du Verantwortung dafür übernehmen, ohne dich insgesamt abzuwerten: „Ja, ich bin dir ins Wort gefallen. Ich möchte hören, was du sagen wolltest.“ Wenn dir unklar ist, was gemeint ist, frage: „Auf welchen Moment beziehst du dich?“ Du musst einer pauschalen Anschuldigung nicht zustimmen, um offen für eine sachliche Rückmeldung zu sein.

Eine kleine Übung: drei Zeilen statt eines Urteils

Wähle eine überschaubare, vergangene Situation. Nimm dir etwa fünf Minuten; das ist ein frei gewählter Rahmen, keine wissenschaftliche Erfolgsformel. Schreibe drei Zeilen: 1. Wortlaut: Was wurde möglichst genau gesagt? 2. Deutung: Was habe ich darin über mich gehört? 3. Gefühl und Anliegen: Was habe ich bemerkt, und was ist mir wichtig?

Beim Abendessen könnte dort stehen: „Du hast mich unterbrochen.“ – „Ich bin ein schlechter Gesprächspartner.“ – „Ich schäme mich; mir ist wichtig, aufmerksam zuzuhören.“ Suche anschließend eine zweite, sachnähere Deutung: „Ich habe in diesem Gespräch zu schnell eingesetzt. Ich kann nachfragen und beim nächsten Mal ausreden lassen.“

Gefühle in Worte zu fassen wurde auch experimentell untersucht. Lieberman und Kollegen berichteten 2011 bei negativen Bildern weniger selbstberichtete Belastung beim Benennen von Gefühlen als beim bloßen Betrachten. Das war keine Untersuchung dieser Schreibübung oder von Kritikgesprächen. Hier dient das Benennen dazu, dein Erleben genauer zu beschreiben; eine bestimmte Wirkung lässt sich daraus nicht versprechen.

Wenn dich die Erinnerung stark aufwühlt, musst du sie nicht weiter vertiefen. Du kannst die Übung beenden und dir Unterstützung suchen.

Was du im nächsten Gespräch sagen kannst

Wenn du Zeit brauchst: „Ich merke, dass mich das gerade trifft. Ich möchte kurz nachdenken und danach darauf zurückkommen.“ Vereinbare möglichst, wann ihr weiterreden könnt. Eine Pause ist keine Verpflichtung, das Thema dauerhaft zu vermeiden.

Wenn du verstehen möchtest: „Was genau hättest du dir in dieser Situation anders gewünscht?“ Wenn der Ton abwertend wird: „Über mein Verhalten können wir sprechen. Mit Beschimpfungen möchte ich das Gespräch nicht fortsetzen.“ Wähle einen Satz, der zu dir und zur Situation passt.

Für heute genügt eine Beobachtung: An welchem Punkt wird aus „Das ist nicht gut gelaufen“ innerlich „Ich bin nicht gut genug“? Diesen Übergang kennenzulernen kann der Anfang deiner weiteren Reflexion sein.

Wie persönliche Begleitung daran anknüpfen kann

Im persönlichen Coaching können wir eine konkrete Situation, deinen inneren Anspruch und andere Handlungsmöglichkeiten betrachten. Verstehen heißt dabei: dir selbst aufmerksam begegnen, bewusst etwas Neues erproben und wieder Verbindung im Gespräch ermöglichen. Es geht nicht darum, jedes unangenehme Gefühl wegzumachen oder jede Kritik hinzunehmen.

NLP arbeitet unter anderem mit Sprache und inneren Vorstellungen; Hypnose nutzt angeleitete fokussierte Aufmerksamkeit. Breathwork bezeichnet hier begleitete Atemarbeit. Welche Arbeitsweise zum Anliegen passt und welche Voraussetzungen gelten, klären wir vorab. Du musst für diese Reflexion keine Methode auswählen. Coaching ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung; bei anhaltender starker Belastung ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.

Weiterführende Links & Quellen

Weiterdenken. Ausprobieren.

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